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Malteser Visbek

Kein Krankenschein für Chiara und Chloe

Malteser-Projekt hilft Zuwanderern ohne Anspruch auf Behandlung

02.06.2015
Die Mutter von Chloe und Chiara hat ihre Kinder gesund zur Welt gebracht, jetzt möchte sie zu den Vorsorge-Untersuchungen. Eine Freundin erklärt Dr. Bernward Wefer das Anliegen. Foto: Franz Josef Scheeben (Kirche + Leben)
Die Mutter von Chloe und Chiara hat ihre Kinder gesund zur Welt gebracht, jetzt möchte sie zu den Vorsorge-Untersuchungen. Eine Freundin erklärt Dr. Bernward Wefer das Anliegen. Foto: Franz Josef Scheeben (Kirche + Leben)

 

Oldenburg. Sie sind gesund auf der Welt, die Zwillinge Chiara und Chloe. Die Mutter ist glücklich, wenn auch noch sichtlich erschöpft. Im Krankenhaus hat man der Slowakin das gelbe Untersuchungsheft für die Vorsorgeuntersuchungen in die Hand gedrückt und sie gemahnt, sie solle mit den Kinder regelmäßig dazu erscheinen.

Aber wo und wie? Die junge Mutter lebt ohne Papiere in der Stadt, spricht kein Deutsch. Und das entscheidende Papier, einen Krankenschein, das hat sie nicht. Eine Freundin macht sich mit ihr auf den Weg.

Unscheinbare Praxisräume

Zur Peterstraße 39 in Oldenburg. Autoverkehr kreuz und quer an diesem frühen Nachmittag. Wenige Meter entfernt führt eine Bahnlinie über den Markplatz zum Bahnhof; dröhnende Güterzüge verschlucken alle Gespräche. Nicht die gemütlichste Ecke der Stadt.

Aber es ist eine Ecke, die Männern und Frauen mit solchen Problemen gerade recht ist. In der Mitte der Stadt, gut zu erreichen, eher unauffällig, keiner achtet groß auf die Menschen, die das Haus betreten. Im Flur ein Sack Altkleider für die Kleiderkammer der Caritas. Dann die erste Tür rechts: Empfang und Wartezimmer für die "Malteser Migranten Medizin".

Empfang und Wartezimmer – Dr. Bernward Wefer kennt solche Räume anders, auch von seiner Praxis in Visbek. Da gibt es bequeme Stühle und einen Stapel von Illustrierten im Wartezimmer, dann Rechner in der Aufnahme und Lesegeräte für die Mitgliedskarten der Krankenkassen. Vor allem diese Lesegeräte.

Helfer ohne Honorar

Aber gerade die wären in der Peterstraße 39 sinnlos. In die Sprechstunde der "Malteser Migranten Medizin" kommen zugewanderte Menschen aus ganz Europa, Menschen ohne Krankenversicherung, ohne eine solche Karte. Trotz Arbeitsvertrag bleibt ihr Versicherungsschutz oft mehr als zweifelhaft. Die Malteser helfen dann, fragen nicht nach einer Krankenversicherung. Das geht nur dank Menschen wie Bernward Wefer. Die ohne Honorar arbeiten.

Was ein praktischer Arzt vor Ort leisten kann, leistet er: Patienten untersuchen, Fieber messen, Blut- und Urinproben nehmen. Unterstützt wird er diesmal von einer ehrenamtlichen Arzthelferin, die eigentlich bei der Agentur für Arbeit beschäftigt ist. Oft ist der Fall schnell klar. Wefer verordnet Medikamente, er rät, sich zu schonen.

Aber eine wichtige Erfahrung haben die Malteser in solchen Stützpunkten schon gemacht: Die Patienten sind jünger und schwerer erkrankt als der deutsche Durchschnitt.

Kranker als der Durchschnitt

Bernward Wefer schürft dann aus vier Jahrzehnten Erfahrung als praktischer Arzt in Visbek. Er hört sich jetzt die Geschichte von Chiara und Chloe an, lächelt die junge Mutter beruhigend an, überweist sie nach einer kurzen Untersuchung der Babys an einen Kinderarzt.

Wieder ohne einen Schein. Denn die Malteser haben ein Netzwerk von fünfzehn Fachärzten in der Stadt aufgebaut, die auch ohne Honorar arbeiten. Daneben gibt es Kontakte zu einer Radiologiepraxis und zum katholischen Krankenhaus.

Für Bernward Wefer ist es eine "geradezu lebensnotwendige ärztliche Aufgabe", diesen Menschen zu helfen. Und sei ihr "Aufenthaltsstatus" noch so "irregulär", wie er das Behördendeutsch zitiert. "Ich gebe einen Teil meiner Freizeit von Herzen an dieses Projekt, weil ich glaube, dass so etwas sein muss."

Auch Fachärzte helfen

Möglich wird es auch, weil Bernward Wefer in der Region als ehemaliger Diözesanarzt der oldenburgischen Malteser hohes Ansehen genießt. Das hilft bei möglichen Problemen – er kann sich für das Projekt im übertragenen Sinn "besonders weit aus dem Fenster hängen", wie es ein Mitarbeiter beschreibt.

Das Projekt: Zugewanderten ("Migranten") helfen. Oft auch Frauen, die trotz Arbeitsvertrag keine Versicherung haben. Viele in Angst, offizielle Einrichtungen wie ein Krankenhaus aufzusuchen – dort werde man sie ja nach ihren Papieren fragen. Anders bei den Maltesern in der schlichten Praxis an der Peterstraße.

Schlicht – das trifft es. Eine alte Arztliege und eine gebrauchte Behandlungslampe hat das Gesundheitsamt gespendet. Die Grundausstattung haben die Malteser sich "irgendwie zusammengesucht", wie es Geschäftsführer Roland Mersch ausdrückt.

Projekt der Malteser

Der Teppichboden in den beiden Räumen musste aus hygienischen Gründen raus; Mersch kaufte in einem Billig-Möbelhaus Kunststoffboden und verlegte ihn mit einem Schulpraktikanten an zwei Abenden. Zurzeit werben die Malteser: Gut dreihundert Flugzettel habe er in der Stadt verteilt, berichtet Roland Mersch. "An allen Schnittstellen."

Soll heißen: an Orten, wo sich Menschen aus aller Welt treffen, für die Oldenburg noch nicht die Heimat ist. Die dankbar sind für die Hilfe der Kirche. Diese lesen die Werbezettel, sie kommen zu der Malteser-Praxis.

Bei Vielen gehe es dann weiter über Mund-zu-Mund-Propaganda, sagt Roland Mersch. Der Besucher steht an diesem Nachmittag vor einem Beispiel: Die Freundin hat der jungen Mutter aus der Slowakei von dem ruhigen älteren Arzt erzählt, der in der Peterstraße 39 hilft – ohne nach Papieren zu fragen.

Das Projekt

Das Projekt "Malteser Migranten Medizin" wendet sich an Menschen ohne gültigen Aufenthalt in Deutschland und zugewanderte Menschen ("Migranten") ohne Krankenversicherung. Patienten finden dort einen Arzt für eine erste Untersuchung. Viele dieser Patienten wollen und können keine reguläre Praxis aufsuchen; die Malteser helfen ihnen unter Wahrung der Anonymität. Die erste Anlaufstelle entstand 2001 in Berlin. Mittlerweile finden Patienten diese Hilfe in dreizehn Städten. In Oldenburg wurde eine solche Praxis im März eröffnet. Die Patienten kommen zu 70 Prozent aus den neuen EU-Staaten in Südosteuropa. Sie sind im Durchschnitt viel jünger und schwerer erkrankt als die Patienten einer normalen Arztpraxis. In Deutschland leben schätzungsweise bis zu einer halben Million Menschen in der Illegalität.

 

Quelle: <FONT color=#0000ff>http://kirchensite.de/aktuelles/news-aktuelles/datum/2015/05/31/kein-krankenschein-fuer-chiara-und-chloe/</FONT>; Stand 02.06.2015

Weitere Informationen

Unser Spendenkonto: Malteser Hilfsdienst e.V.  |  Pax-Bank  |  IBAN: DE74370601201201225147  |  BIC / S.W.I.F.T: GENODED1PA7